Bei der Testamentseröffnung klingelte das Telefon des Verstorbenen – und alle hörten seine Stimme

Herr Baumann trat an den Schreibtisch. „Ihr Vater hat mir am vergangenen Montag eine verschlossene Mappe übergeben. Er sagte, ich solle sie nur öffnen, wenn es zu einer Testamentseröffnung kommt.“

Aus seiner Tasche holte er einen Umschlag. Darauf stand in Viktors Handschrift: Für Helena, falls Adrian behauptet, ich sei verwirrt gewesen.

Helena sah auf die Worte und musste an einen Nachmittag denken, an dem ihr Vater siebzehn Jahre alt gewesen war. Sie hatte ein altes Radio repariert, das ihrer Mutter gehört hatte. Viktor hatte daneben gestanden und gesagt: „Du hörst immer zuerst, was andere überhören.“

Damals hatte sie geglaubt, es sei ein Kompliment.

Jetzt fragte sie sich, ob ihr Vater schon damals gewusst hatte, dass Adrian Dinge verschwieg.

Der rote Aktenschrank stand hinter einem Bücherregal. In seinem Schloss steckte ein kleiner Schlüssel, der in der Mappe gelegen hatte.

Adrian stellte sich Helena in den Weg.

„Du wirst das nicht öffnen.“

„Warum?“

„Weil du nicht weißt, was du da tust.“

„Dann dürfte es für dich doch keinen Grund geben, Angst zu haben.“

Er antwortete nicht.

Eine Firma, die nur auf dem Papier existierte

Im Schrank lagen Kontoauszüge, Verträge und eine externe Festplatte. Herr Baumann überprüfte jedes Dokument, während Helena Seite für Seite durchging.

Zunächst schien es um die Familienfirma zu gehen, die Viktor vor dreißig Jahren gegründet hatte. Doch zwischen den Unterlagen tauchten Zahlungen an eine Gesellschaft auf, deren Name Helena noch nie gehört hatte. Die Firma besaß keine erkennbare Adresse, keine Mitarbeiter und keine eigenen Projekte.

Empfänger der Überweisungen war dennoch regelmäßig Adrian gewesen.

„Das sind Darlehen“, sagte er. „Vater wusste davon.“

Herr Baumann schüttelte den Kopf. „Hier steht nichts von Darlehen. Es handelt sich um Beratungsleistungen.“