Die Keramikerin sollte nur eine Schneekugel reparieren – dann fand sie das Foto eines verschwundenen Kindes

Die Schneekugel war kleiner als Noras Handfläche und sah auf den ersten Blick völlig gewöhnlich aus. Eine verschneite Kapelle stand unter der gläsernen Kuppel, daneben ein winziger Tannenbaum und eine Bank aus bemaltem Holz.

Doch als Nora das Stück vorsichtig gegen das Licht hielt, bemerkte sie etwas, das nicht hineingehörte.

Hinter der Kapelle lag ein zusammengefaltetes Stück Papier.

„Können Sie sie retten?“, fragte die alte Frau auf der anderen Seite des Arbeitstisches.

Sie hatte die Schneekugel am Morgen ohne Termin in Noras Werkstatt gebracht. Ihr grauer Mantel war vom Regen dunkel geworden, und ihre Finger zitterten nicht vor Kälte. Sie zitterten, weil sie das Glas kaum loslassen konnte.

„Ich kann es versuchen“, sagte Nora. „Aber wenn das Papier im Inneren beschädigt ist, kann ich nichts versprechen.“

Die Frau nickte. „Es muss nur lesbar werden.“

Dann schob sie Nora einen Umschlag zu und verließ den Laden, ohne ihren Namen zu nennen.

Ein Auftrag, der keinen Sinn ergab

Nora restaurierte seit zwölf Jahren Keramik, Glas und kleine Erinnerungsstücke. Sie hatte zerbrochene Figuren zusammengefügt, alte Puppenhäuser repariert und sogar eine Porzellanuhr gerettet, die bei einem Wohnungsbrand fast vollständig geschmolzen war.

Eine Schneekugel auseinanderzunehmen, war schwierig, aber nicht unmöglich. Nora erwärmte den Sockel langsam, löste die alte Dichtung und ließ das Wasser in eine flache Schale ablaufen. Danach entfernte sie vorsichtig die künstlichen Schneeflocken.

Das Papier war feucht geworden. Die Tinte hatte sich an den Rändern verteilt.

Mit einer Pinzette zog Nora es heraus und legte es zwischen zwei saugfähige Bögen. Während es trocknete, untersuchte sie die winzige Kapelle. Auf der Rückseite des Sockels entdeckte sie eine eingeritzte Jahreszahl.

2006.

Nora erstarrte.

Das war das Jahr, in dem ihr siebenjähriger Neffe Emil verschwunden war.