Bei der Testamentseröffnung klingelte das Telefon des Verstorbenen – und alle hörten seine Stimme

„Vater hat sie nach dem Unfall nicht mehr öffnen lassen“, erklärte Adrian, als Helena danach fragte. „Dort gibt es nichts, was dich betrifft.“

Jetzt klingelte genau dort das Telefon.

„Nehmen Sie ab“

Das Klingeln hörte auf. Für zwei Sekunden war es still.

Dann begann es erneut.

Der Notar, Herr Baumann, stand langsam auf. „War dieses Telefon an die Leitung angeschlossen?“

Adrian erhob sich ebenfalls. „Das kann nicht sein.“

„Dann finden wir am besten heraus, wer anruft“, sagte Helena.

Sie ging zur Tür des Arbeitszimmers. Der Schlüssel steckte nicht im Schloss. Helena legte die Hand auf die Klinke und sah ihren Bruder an.

„Aufmachen“, sagte sie.

„Das ist nicht nötig.“

„Das Telefon klingelt hinter dieser Tür.“

Adrian machte einen Schritt auf sie zu. In seinem Gesicht lag zum ersten Mal keine Kontrolle, sondern Angst.

Herr Baumann nahm den Schlüsselbund aus seiner Aktentasche. „Ihr Vater hat mir den Schlüssel vor einer Woche übergeben. Für den Fall, dass bestimmte Unterlagen benötigt werden.“

Der Schlüssel passte.

Das Arbeitszimmer war dunkler, als Helena es in Erinnerung hatte. Die Vorhänge waren geschlossen. Auf dem Schreibtisch lagen mehrere Ordner, ein altes Diktiergerät und das schwarze Telefon.

Es klingelte nicht mehr.

Stattdessen blinkte eine kleine rote Lampe.

Helena hob den Hörer ab.

„Helena“, sagte eine Stimme.

Sie ließ den Hörer beinahe fallen.

Es war die Stimme ihres Vaters.

„Wenn du das hörst, bin ich nicht mehr in der Lage, dir die Wahrheit selbst zu erklären. Vertraue Adrian nicht. Öffne den roten Aktenschrank erst, wenn Baumann dabei ist.“

Dann knackte die Leitung und verstummte.

Der rote Schrank

Adrian war bleich geworden. „Das ist eine Aufnahme.“

„Das hat niemand bestritten“, sagte Helena.

„Vater war krank. Er hat Dinge verwechselt.“