Das Telefon klingelte genau in dem Moment, als der Notar den letzten Satz des Testaments vorlesen wollte.
Helena saß am Ende des langen Tisches und hielt beide Hände um eine Tasse Kaffee, die längst kalt geworden war. Gegenüber von ihr wartete ihr Bruder Adrian mit unbewegter Miene. Neben ihm saß seine Frau Marlene, die seit Beginn der Testamentseröffnung kein einziges Mal zu Helena hinübergesehen hatte.
„Damit vermacht Viktor Falk den gesamten Besitz…“
Der Notar verstummte.
Aus dem Arbeitszimmer nebenan erklang ein schrilles, altmodisches Klingeln. Nicht das Mobiltelefon des Notars. Nicht eines der modernen Geräte auf dem Tisch. Es war der schwarze Apparat, den ihr Vater seit Jahrzehnten benutzt hatte und der seit seinem Tod nicht mehr angeschlossen sein sollte.
Helena spürte, wie ihr Nacken kalt wurde.
Ein Haus voller unausgesprochener Sätze
Ihr Vater Viktor Falk hatte drei Tage zuvor bei einem Unfall auf dem See sein Leben verloren. Die Polizei hatte von einem tragischen Unglück gesprochen. Sein Boot war bei dichtem Nebel gegen eine alte Boje geraten, hatte Wasser genommen und war innerhalb weniger Minuten gesunken.
Helena hatte die Nachricht in ihrer Werkstatt erhalten, zwischen zerlegten Radios und dem Geruch von Lötzinn. Sie war seit fast zwei Jahren nicht mehr im Haus ihres Vaters gewesen.
Nicht, weil sie ihn nicht geliebt hatte. Sondern weil Viktor nach dem Tod ihrer Mutter begonnen hatte, jedes Gespräch in einen Vorwurf zu verwandeln.
Adrian sei derjenige, der Verantwortung übernehme, hatte er gesagt. Helena dagegen verliere sich in alten Dingen, in beschädigten Geräten und in Erinnerungen, die niemand bezahlen könne.
Als sie an diesem Morgen das Haus betrat, sah alles aus wie früher. Die dunklen Holzvertäfelungen. Der Geruch nach Leder und Staub. Die Standuhr im Flur, die drei Minuten nachging.
Nur die Tür zum Arbeitszimmer war verschlossen.
