Am nächsten Morgen kehrte Amelie zum Konzerthaus zurück. Die Leitung hatte ihr mitgeteilt, dass sie nicht mehr auftreten dürfe. Das Video ihres Abbruchs verbreitete sich jedoch bereits im Internet.
Eine junge Bühnenmeisterin namens Juna wartete am Lieferanteneingang auf sie.
„Ich habe gehört, was Sie gesagt haben“, erklärte Juna. „Und ich kenne das Gebäude besser als jeder andere.“
Sie führte Amelie durch einen schmalen Gang unterhalb der Bühne. Hinter einer verschiebbaren Holzplatte lag eine eiserne Tür, die seit Jahren nicht mehr benutzt worden war.
„Dahinter befindet sich der alte Orchestergraben“, sagte Juna. „Vor dem Umbau wurde er zugemauert.“
Amelie hielt die Kassette fest an sich gedrückt.
Gemeinsam öffneten sie die Tür. Staub wirbelte durch den Lichtkegel ihrer Taschenlampen. Zwischen zerbrochenen Notenständern und alten Kabeln stand ein niedriger Metallschrank.
Das Schloss war bereits aufgebrochen.
Im Inneren lag kein Notizbuch.
Nur ein einzelnes Blatt, auf dessen Rückseite Clara Winters Handschrift zu erkennen war.
Amelie las den ersten Satz und spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
Viktor wird nicht allein fallen. Die Person, die ihm geholfen hat, sitzt heute noch in der Leitung dieses Hauses.
Hinter ihnen fiel plötzlich die Tür ins Schloss.
Die Wahrheit war noch nicht vollständig
Juna rüttelte am Griff. Von draußen war kein Schritt zu hören.
Amelie leuchtete über den Boden. Neben dem alten Schrank lag frischer Staub, der durch eine Schuhspur unterbrochen war. Jemand war vor ihnen hier gewesen.
Auf dem Blatt stand eine Reihe von Initialen. Eines davon erkannte Amelie sofort: Es gehörte der derzeitigen Intendantin des Konzerthauses.
„Sie hat uns eingeschlossen“, flüsterte Juna.
Amelie dachte an Viktor Halbergs bleiches Gesicht, an die unterschlagene Melodie und an die Stimme ihrer Mutter auf der Kassette.
