Sie sollte das Gemälde nur aus dem Rahmen nehmen – dann entdeckte sie die Handschrift ihrer Mutter

Clara nahm das Gemälde vorsichtig aus dem vergoldeten Rahmen. Seit fast zwanzig Jahren restaurierte sie alte Bilder, doch noch nie hatte sie beim ersten Blick auf eine Rückseite das Gefühl gehabt, jemand würde sie direkt ansehen.

Das Bild zeigte einen verlassenen Wintergarten. Zwischen hohen Glasfenstern stand ein leerer Stuhl, daneben eine Vase mit verwelkten weißen Blumen. Die Signatur in der unteren Ecke gehörte dem berühmten Maler Emil Varga, dessen Werke auf dem Kunstmarkt Millionen erzielten.

Am nächsten Abend sollte das Gemälde im Auktionshaus Bellmont versteigert werden.

Clara strich mit dem Pinsel Staub aus einer Falte der Leinwand. Dabei löste sich ein schmaler Streifen des alten Papiers, mit dem die Rückseite versiegelt war.

Unter der Leinwand kam etwas zum Vorschein.

Es war kein Riss. Es war ein kleiner Umschlag, flach gedrückt und mit brüchigem Klebeband befestigt.

Die Schrift, die nicht möglich sein konnte

Clara legte das Werkzeug beiseite. Auf dem Umschlag stand nur ein Wort: Clara.

Sie kannte diese Buchstaben. Das schmale C, die weit auseinandergezogenen l und das auffällig lange r. Ihre Mutter hatte genau so geschrieben.

Helena war vor sechzehn Jahren bei einem Autounfall gestorben. Clara war damals zwanzig gewesen. Die Polizei hatte von einer regennassen Straße, überhöhter Geschwindigkeit und einem tragischen Verlust der Kontrolle gesprochen.

Es hatte keinen Abschiedsbrief gegeben. Keine Erklärung. Nur ein zerstörtes Auto, ein leerer Platz am Küchentisch und ein Vater, der jede Frage mit demselben Satz beendet hatte.

„Deine Mutter ist fort. Du musst lernen, damit zu leben.“

Claras Finger zitterten, als sie den Umschlag öffnete. Darin lag ein zusammengefaltetes Stück Papier.

Wenn du das liest, wurde das Bild endlich aus dem Haus genommen.

Mehr stand nicht darauf.

Clara las den Satz dreimal. Dann drehte sie das Papier um. Auf der Rückseite befand sich eine Zahlenfolge und darunter ein Datum: 14. Oktober 2008.