Amelie hatte über Jahre gelernt, dass Schweigen oft mehr verriet als Worte. In ihrer Kindheit hatte sie dieses Schweigen für Trauer gehalten. Später hatte sie verstanden, dass es auch Schuld bedeuten konnte.
„Meine Mutter ist nicht einfach verschwunden“, sagte sie. „Sie wurde aus der Geschichte gestrichen.“
Viktor wandte sich um.
„Ihre Mutter war eine begabte Musikerin. Aber sie war nicht stabil. Sie hat Dinge behauptet, die sie nicht beweisen konnte.“
„Dass Emil Raben ihre Kompositionen gestohlen hat?“
Zum ersten Mal verlor er seine Beherrschung.
„Sie wissen nicht, was damals passiert ist.“
„Dann sagen Sie es mir.“
Viktor ging zum Schreibtisch und öffnete eine Schublade. Er nahm einen schmalen Umschlag heraus, legte ihn aber nicht auf den Tisch.
„Ihre Mutter hat den Brand verursacht“, sagte er. „Sie wollte die Originale vernichten, weil sie überzeugt war, Raben habe ihre Musik gestohlen. Dabei kam er ums Leben. Danach ist sie geflohen.“
Amelie spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen entglitt.
Sie hatte ihre Mutter vermisst, um sie getrauert und heimlich idealisiert. Doch nie hatte sie sich vorgestellt, dass Clara für den Tod eines Menschen verantwortlich sein könnte.
„Und dieses Stück?“
„Raben hatte es vor dem Brand erhalten. Es befand sich in seinem Archiv.“
„Mit ihrem Namen?“
Viktor schwieg.
Die vergessene Stimme
Amelie verließ das Konzerthaus durch den Bühneneingang. Der Regen war stärker geworden. Sie ging, ohne ihr Taxi zu rufen, bis sie an einem kleinen Café am Fluss stehen blieb.
Ihr Vater hatte immer behauptet, Clara habe keine Aufnahmen hinterlassen. Keine Briefe. Keine Partituren. Nur ein paar Fotos und einen roten Schal, der inzwischen in einer Schublade lag.
Amelie rief ihn an.
Er meldete sich erst nach dem fünften Klingeln.
„Papa, was ist in der Nacht des Brandes passiert?“
Am anderen Ende blieb es lange still.
„Woher weißt du davon?“
