Die Keramikerin sollte nur eine Schneekugel reparieren – dann fand sie das Foto eines verschwundenen Kindes

Eine Spur, die nie verfolgt wurde

Ruth berichtete, Emil sei nur wenige Wochen am Waldhof geblieben. Danach habe der Mann ihn abgeholt. Bevor sie gingen, habe der Junge Ruth eine selbst gebastelte Schneekugel geschenkt. Er habe gesagt, darin sei sein Zuhause eingeschlossen.

Ruth hatte die Kugel jahrelang aufbewahrt. Erst als sie das Ferienheim verkaufen musste, hatte sie beschlossen, sie an eine Restauratorin zu schicken. Den Zettel und das Foto hatte sie heimlich hineingelegt.

„Warum haben Sie uns nicht direkt kontaktiert?“, fragte Nora.

Ruth sah sie an. „Weil ich zu feige war. Und weil ich glaubte, es sei zu spät.“

Aus einer Schublade holte sie einen alten Ordner. Darin lagen Kopien von Briefen, eine Quittung für eine Busfahrt und ein Foto von einem Lieferwagen.

Auf der Quittung stand ein Ort, den Nora kannte: der kleine Fährhafen am See.

Auf dem Foto war der Lieferwagen nur von hinten zu sehen. Doch am Rand des Nummernschildes erkannte Mara zwei Ziffern.

„Das Auto gehörte unserem Vater“, flüsterte sie.

Nora sah ihre Schwester an. Ihr Vater war damals behauptet worden, mit Emil geflohen zu sein. Aber alle hatten geglaubt, er habe das Land verlassen.

„Vielleicht hat er ihn nicht entführt“, sagte Nora. „Vielleicht hat er versucht, ihn zurückzubringen.“

In diesem Moment klingelte Ruths Telefon. Sie blickte auf das Display und wurde erneut blass.

„Wer ist es?“, fragte Mara.

Ruth antwortete nicht. Das Klingeln verstummte. Eine Nachricht erschien.

Sie zeigte nur ein Foto.

Darauf war ein erwachsener Mann zu sehen, der vor einem Fähranleger stand. Neben ihm hing ein Schild mit dem Namen des Ortes, den Nora gerade auf der Quittung gelesen hatte.

Unter dem Bild stand ein einziger Satz:

„Wenn ihr wissen wollt, warum er nie zurückkam, kommt heute Abend allein.“

Die Wahrheit wartete am See