Die Keramikerin sollte nur eine Schneekugel reparieren – dann fand sie das Foto eines verschwundenen Kindes

Gemeinsam fuhren die Schwestern zum Haus ihrer Mutter. Dort lagerten noch alte Zeitungen, Suchplakate und Kartons aus jener Zeit. Mara hatte vieles aufgehoben, obwohl sie jahrelang behauptet hatte, mit der Vergangenheit abgeschlossen zu haben.

In einem Zeitungsausschnitt fanden sie einen Hinweis auf den „Waldhof“, ein abgelegenes Ferienheim am Nordhang. Im Dezember 2006 hatte dort eine ehrenamtliche Betreuerin namens Ruth Seidel gearbeitet.

Auf einem Foto in der Zeitung trug Ruth einen roten Schal.

„Warum hat niemand sie befragt?“, fragte Nora.

Mara schüttelte den Kopf. „Weil die Polizei dachte, Emil sei mit seinem Vater unterwegs. Jeder suchte in die falsche Richtung.“

Am nächsten Morgen fuhren sie zum Waldhof. Das Ferienheim war längst geschlossen. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt, und zwischen den Gebäuden wuchs hohes Gras.

Eine Nachbarin erkannte den Namen Ruth Seidel. Sie wohnte inzwischen in einem kleinen Haus am Waldrand.

Ruth öffnete erst nach dem dritten Klopfen. Als sie Nora und Mara sah, wurde ihr Gesicht bleich.

„Sie haben die Schneekugel gefunden“, sagte sie.

Mara trat einen Schritt vor. „Sie wussten, dass mein Sohn dort war?“

Ruth senkte den Blick. „Ich wusste, dass er am Leben war.“

Im Wohnzimmer roch es nach feuchtem Holz und Kamillentee. Ruth setzte sich, aber ihre Hände blieben fest ineinander verschränkt.

Sie erzählte, Emil sei wenige Tage nach seinem Verschwinden am Waldhof aufgetaucht. Ein Mann habe ihn dorthin gebracht und behauptet, der Junge müsse vor jemandem geschützt werden. Ruth habe den Namen des Mannes nicht gekannt. Sie habe nur gewusst, dass Emil Angst hatte und immer wieder gesagt hatte, seine Mutter dürfe nicht erfahren, wo er war.

„Warum haben Sie nicht die Polizei gerufen?“, fragte Mara.

Ruth schloss die Augen. „Weil der Mann mir Unterlagen zeigte. Briefe, Fotos, angebliche Gerichtsdokumente. Er sagte, Sie wollten Emil weggeben.“

„Das war eine Lüge.“

„Heute weiß ich das.“