Nora wollte sofort die Polizei einschalten. Mara bestand darauf, zunächst nichts zu tun, was den Absender warnen könnte. Die Schwestern fotografierten alle Unterlagen und übergaben sie schließlich einer Ermittlerin, die bereit war, den alten Fall neu zu prüfen.
Am Abend fuhren sie trotzdem zum Fährhafen – nicht allein, sondern mit versteckter Unterstützung in einiger Entfernung.
Der Nebel lag dicht über dem Wasser. Das Holz der Anlegestelle knarrte unter jedem Schritt. Am Ende des Stegs stand der Mann vom Foto.
Er war etwa dreißig Jahre alt. In der Hand hielt er einen roten Schal.
Als er Mara sah, wich ihm die Farbe aus dem Gesicht.
„Mama?“, sagte er.
Mara blieb stehen, als hätte jemand den Boden unter ihr fortgezogen.
Der Mann machte einen Schritt auf sie zu. Dann blickte er plötzlich über ihre Schulter in den Nebel.
„Er weiß, dass ich hier bin“, flüsterte er.
Hinter ihnen sprang ein Motor an.
Ein dunkler Wagen rollte langsam auf den verlassenen Parkplatz. Die Scheinwerfer schnitten durch den Nebel, und eine Tür öffnete sich.
Der Mann mit dem roten Schal griff nach Maras Hand.
„Wenn er aussteigt“, sagte er, „dürft ihr ihm nicht glauben.“
In diesem Augenblick trat eine Gestalt aus dem Wagen. Nora erkannte das Gesicht sofort – und verstand, dass die Geschichte ihrer Familie viel früher begonnen hatte, als alle bisher angenommen hatten.
Was in jener Nacht am See ans Licht kam, veränderte nicht nur Emils Schicksal. Es zwang auch zwei Generationen, sich einer Wahrheit zu stellen, die viel zu lange in einer kleinen Schneekugel eingeschlossen gewesen war.
