Niemand in ihrer Familie sprach noch gern über diesen Herbst. Emil war während eines Dorffestes nicht mehr aufgetaucht. Seine Mutter hatte ihn nur wenige Minuten aus den Augen gelassen. Danach folgten Suchtrupps, Polizeifahrzeuge und eine monatelange Untersuchung, die ohne Ergebnis beendet wurde.
Emils Vater war damals beschuldigt worden, mit dem Kind davongegangen zu sein. Er hatte die Familie kurz zuvor verlassen und war später tatsächlich nicht mehr erreichbar gewesen.
Nora hatte nie geglaubt, dass er seinen Sohn entführt hatte. Aber sie hatte auch keinen Beweis besessen.
Das Gesicht hinter dem Glas
Am späten Nachmittag war das Papier weit genug getrocknet, um es zu öffnen. Die Vorderseite enthielt nur einen Satz:
„Nicht am Fluss suchen. Fragt die Frau mit dem roten Schal.“
Darunter lag ein kleines Foto.
Nora hielt den Atem an.
Der Junge auf dem Bild war vielleicht acht Jahre alt. Er stand vor einer hölzernen Hütte, trug eine viel zu große blaue Jacke und hielt einen roten Schal in der Hand. Sein Gesicht war schmal, aber die Augen waren unverkennbar.
Emil.
Nora setzte sich, weil ihre Knie plötzlich nachgaben.
Auf der Rückseite des Fotos stand ein Datum: 14. Dezember 2006. Drei Monate nach Emils Verschwinden.
Sie vergrößerte das Bild unter ihrer Arbeitslampe. Im Hintergrund erkannte sie ein Schild, dessen Buchstaben teilweise von einem Ast verdeckt wurden. Nur zwei Wörter waren lesbar: „Waldhof“ und „Nordhang“.
Nora rief ihre Schwester an.
„Mara, du musst sofort kommen.“
„Was ist passiert?“
„Ich habe etwas gefunden. Etwas über Emil.“
Am anderen Ende blieb es lange still. Dann fragte Mara mit kaum hörbarer Stimme: „Hast du seinen Namen gesagt?“
Eine Stunde später stand sie in der Werkstatt. Als Nora ihr das Foto zeigte, musste Mara sich an der Tischkante festhalten.
„Das ist mein Sohn“, sagte sie.
