„Sie sind Paul Hartmann.“
Der Mann sah zur Brieftasche in Davids Hand.
„Das war ich einmal.“
Die Geschichte, die in den Akten fehlte
Paul erzählte David, dass er die Residenz vor drei Jahrzehnten gegründet hatte. Er wollte einen Ort schaffen, an dem ältere Menschen nicht behandelt wurden wie Nummern oder Kostenstellen.
Nach einem Schlaganfall hatte seine Tochter Miriam die Verwaltung übernommen. Kurz darauf begann sie, Bewohner in kleinere Pflegeeinrichtungen zu verlegen, obwohl viele von ihnen dort gar nicht hinwollten. Ihre Wohnungen wurden verkauft, Vollmachten geändert und Sparguthaben auf Konten übertragen, die offiziell mit Pflegekosten begründet wurden.
Paul hatte die Vorgänge bemerkt und eine Prüfung verlangt.
„Dann hieß es plötzlich, ich sei verwirrt“, sagte er. „Meine Tochter erklärte den Behörden, ich könne meine Entscheidungen nicht mehr selbst treffen.“
Clara Weiss sei damals Miriams engste Mitarbeiterin gewesen. Gemeinsam hätten sie Pauls Rückzug aus der Öffentlichkeit organisiert. In den Unterlagen wurde er als verstorben geführt, obwohl er noch lebte. Die Leitung behauptete, er sei nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt gestorben.
„Warum sind Sie nicht zur Polizei gegangen?“, fragte David.
Paul lächelte bitter.
„Ich habe es versucht. Aber jedes Dokument, das ich vorlegte, stammte angeblich von einem verwirrten alten Mann. Und die Menschen, die mir hätten helfen können, hatten Angst, ihre Wohnungen zu verlieren.“
Er zeigte auf die Briefe.
„Das sind Schreiben von Bewohnern. Sie haben mir Beweise geschickt. Aber Clara lässt sie abfangen.“
David spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Viele Bewohner von Silberhain hatten ihm in den vergangenen Monaten erzählt, dass ihre finanziellen Angelegenheiten plötzlich von der Verwaltung geregelt wurden. Er hatte die Unruhe für Altersangst gehalten.
„Warum haben Sie mich in den Keller gelockt?“
„Ich habe Sie nicht gelockt. Die Brieftasche sollte im Aufzug gefunden werden.“
Paul deutete auf eine kleine Kamera über der Tür.
