Die Briefträgerin erhielt einen Einschreibebrief an eine nicht existente Adresse – die Unterschrift stammte von ihrem verschwundenen Vater

„Bahnhofsschließfach 314“, sagte Martin. „Dort liegt etwas, das du deiner Mutter geben musst.“

„Warum gibst du es mir nicht selbst?“

Wieder folgte Husten. Diesmal länger.

„Weil ich das Fährhaus heute Nacht verlassen muss.“

„Wohin gehst du?“

„An einen Ort, an dem sie mich nicht erwarten.“

„Ich komme mit.“

„Nein.“

Seine Antwort war so scharf, dass Lena verstummte.

„Du hast dein ganzes Leben verloren“, sagte sie. „Du kannst nicht erwarten, dass ich jetzt einfach wieder gehe.“

Hinter der Mauer wurde es ganz still.

Dann sagte Martin: „Ich habe nicht nur mein Leben verloren. Ich habe auch etwas getan, das du wissen musst, bevor du mir verzeihst.“

Die Wahrheit im Schließfach

Lena fuhr noch in derselben Nacht zum Bahnhof. Das Schließfach 314 lag in einem alten Seitengang, der kaum beleuchtet war. Der Schlüssel passte.

Im Fach lag eine Metallkassette.

Darin befanden sich Kopien von Vermessungsplänen, mehrere Fotos und ein Tonbandgerät. Unter den Dokumenten lag ein Brief an ihre Mutter.

Lena las ihn im Licht einer flackernden Lampe.

Martin schrieb, dass er in der Nacht seines Verschwindens nicht allein geflohen war. Ein Kollege namens Erik Wendt hatte ihn begleitet. Wendt hatte die Beweise an sich genommen und versprochen, sie weiterzugeben. Doch am Fluss war es zu einem Streit gekommen. Wendt war gestürzt und hatte sich schwer verletzt.

Martin hatte ihn zurückgelassen.

„Ich dachte, er würde sterben“, stand in dem Brief. „Als ich später zurückkam, war er verschwunden. Ich habe nie erfahren, ob er überlebt hat.“

Lena musste sich an der Wand abstützen.

Ihr Vater war Opfer gewesen, aber er war nicht unschuldig. Er hatte einen Menschen zurückgelassen und danach geschwiegen. Vielleicht aus Angst. Vielleicht aus Feigheit. Vielleicht aus beidem.

Auf dem Tonband befand sich eine Aufnahme aus jener Nacht. Stimmen, Schritte, das Rauschen des Flusses.

Und am Ende ein Satz.