Dann bewegte sich irgendwo ein Riegel.
„Geh nach Hause, Lena.“
„Du bist am Leben.“
„Das bedeutet nicht, dass ich zurückkommen kann.“
Sie legte beide Hände gegen die kalten Steine.
„Warum hast du mir geschrieben?“
„Weil ich nicht mehr genug Zeit habe.“
Ein dumpfer Husten folgte. Lena presste die Stirn gegen die Wand.
Was in jener Nacht am Fluss geschah
Martin sprach nur in kurzen Sätzen. Er erzählte, dass er damals bei Vermessungsarbeiten Unregelmäßigkeiten entdeckt hatte. Flussufer, die offiziell als unbebaubar galten, waren in internen Unterlagen plötzlich für ein großes Bauprojekt freigegeben worden.
Mehrere Messprotokolle waren verändert worden. Grundstücke hatten den Besitzer gewechselt, kurz bevor die neuen Pläne öffentlich wurden. Martin hatte Kopien angefertigt und sie an einen Journalisten weitergeben wollen.
„Am Abend vor meinem Verschwinden wurde ich verfolgt“, sagte er. „Ich dachte, sie wollten mich einschüchtern. Dann sah ich, dass jemand in unserer Wohnung war.“
Lena erinnerte sich an diese Nacht. Ihre Mutter hatte sie und ihren kleinen Bruder zu einer Nachbarin gebracht. Als sie am nächsten Morgen zurückgekommen waren, hatte die Wohnung offen gestanden. Einige Schubladen waren ausgeräumt gewesen.
Die Erwachsenen hatten damals von einem Einbruch gesprochen.
„Warum bist du nicht zur Polizei gegangen?“ fragte Lena.
„Weil der Polizist, dem ich vertraut habe, auf der Liste stand.“
Lena spürte, wie ihr die Hände zitterten.
Ihr Vater hatte nicht einfach seine Familie verlassen. Er hatte sich versteckt, weil er geglaubt hatte, dass seine Familie sonst ebenfalls in Gefahr war.
„Und warum hast du nie wieder Kontakt aufgenommen?“
„Weil sie dich beobachtet haben.“
„Achtzehn Jahre lang?“
„Nicht immer. Aber lange genug.“
Der Inhalt des Umschlags
Martin bat sie, den Brief durch einen Spalt unter der Mauer zu schieben. Lena kniete sich hin und drückte den Umschlag unter den Brettern hindurch.
Eine Weile geschah nichts.
Dann kam ein kleiner Schlüssel zurück.
