Ihre Vorgesetzte, Frau Neumann, nahm den Umschlag vorsichtig in die Hand. Sie prüfte den Stempel, die Sendungsnummer und die digitale Erfassung.
„Der Brief wurde gestern Abend in einem Briefkasten am Bahnhof eingeworfen“, sagte sie. „Die Sendung ist korrekt frankiert. Kein Fehler im System.“
„Kann jemand die Handschrift gefälscht haben?“
„Das kann ich nicht beurteilen. Aber zugestellt werden muss er trotzdem.“
Lena hätte den Umschlag an die Absenderadresse zurückschicken können. Doch der Absender war eine alte Wohnung in einem Haus, das längst abgerissen worden war. Außerdem wusste sie, dass sie nicht einfach nach Hause gehen und so tun konnte, als hätte sie den Brief nie gesehen.
Am Nachmittag fuhr sie zum alten Fährhaus.
Der Wind vom Fluss war kalt. Hinter dem rostigen Zaun standen zerbrochene Fenster, nasse Bretter und ein verrostetes Schild, dessen Schrift kaum noch zu lesen war. Lena schob das Tor auf. Es gab kein Schloss.
Im Inneren roch es nach Staub, feuchtem Holz und altem Öl.
Sie rief nach dem Empfänger.
Niemand antwortete.
Dann hörte sie ein Geräusch unter dem Boden.
Das Licht hinter der Wand
Es war kein Knarren und kein Tier. Es klang wie das kurze Anspringen eines Generators.
Lena blieb stehen.
Am Ende des Raumes befand sich eine zugemauerte Tür. Zwischen zwei Backsteinen fiel ein schmaler Streifen warmes Licht hindurch.
„Hallo?“
Das Licht verschwand.
Jemand war auf der anderen Seite.
Lena trat näher. In diesem Moment hörte sie eine Stimme, die so tief und müde klang, dass sie sie zunächst nicht einordnen konnte.
„Du hättest nicht kommen sollen.“
Lena wich zurück.
Die Stimme gehörte ihrem Vater.
Sie wusste es, obwohl sich sein Klang in achtzehn Jahren verändert haben musste. Sie erkannte die Art, wie er das „s“ aussprach, und die kurze Pause vor jedem wichtigen Satz.
„Papa?“
Hinter der Mauer blieb es still.
