Ihre Mutter hatte immer nur wenige Dinge hinterlassen: ein Foto, einen blauen Schal und die Erinnerung an eine Stimme, die Clara aus einem Kinderlied kannte. Viele Jahre hatte sie sich gefragt, ob diese Stimme wirklich existierte oder ob sie sie selbst erfunden hatte.
Im Rekorder befand sich eine Kassette. Das Band rauschte, als Clara auf die Wiedergabetaste drückte.
Dann hörte sie ihre Mutter.
„Wenn du das hörst, Clara, bist du alt genug, um die Wahrheit selbst zu beurteilen.“
Clara hielt den Atem an.
„Ich bin nicht freiwillig gegangen.“
Im Hintergrund war das Ticken einer Uhr zu hören.
„Dein Vater hat Geld aus der Stiftung genommen, die wir gemeinsam aufgebaut haben. Er wollte, dass ich die Unterlagen unterschreibe und niemandem davon erzähle. Als ich mich geweigert habe, sagte er, er werde dafür sorgen, dass du mich für eine Lügnerin hältst.“
Clara schloss die Augen.
Ihr Vater hatte ihr immer erzählt, die Mutter habe die Familie verlassen. Sie sei unzuverlässig gewesen. Sie habe ein neues Leben beginnen wollen. Elise hatte diese Geschichte nie bestätigt, aber auch nie widersprochen.
Auf der Kassette sprach ihre Mutter weiter.
„Elise hat mir geholfen, in jener Nacht aus dem Haus zu kommen. Ich wollte dich mitnehmen. Aber dein Vater hatte bereits dafür gesorgt, dass ich dich nicht sehen durfte. Er sagte, wenn ich dich hole, werde er behaupten, ich hätte dich entführt.“
Clara presste die Hand auf ihren Mund.
„Ich habe Beweise versteckt. Nicht, weil ich dir nicht vertraue. Sondern weil ich wusste, dass man dir als Kind jede Erinnerung nehmen kann, wenn man oft genug dieselbe Lüge erzählt.“
