In der Ledermappe lagen Kopien alter Überweisungen, Briefe und mehrere Seiten aus einem Stiftungsregister. Die Stiftung hatte damals benachteiligte Jugendliche in Handwerksbetrieben unterstützt. Ein großer Teil des Geldes war jedoch an eine Firma geflossen, die auf den Namen von Claras Vater eingetragen war.
Das erklärte auch, warum Elise nie über die Stiftung gesprochen hatte. Sie hatte offenbar jahrelang versucht, die Unterlagen zu bewahren.
Zwischen den Dokumenten fand Clara einen Brief, der erst zwölf Jahre zuvor geschrieben worden war.
„Ich weiß, dass du inzwischen erwachsen bist“, stand darin. „Ich habe oft versucht, dich zu erreichen. Dein Vater hat jede Nachricht zurückgeschickt. Elise sagt, du würdest vielleicht eines Tages selbst nach der Wahrheit suchen.“
Am Ende des Briefes stand eine Adresse.
Clara kannte den Ort. Es war ein kleines Dorf an der Küste, fast vier Autostunden entfernt.
Ihre Mutter könnte dort noch leben.
In dieser Nacht schlief Clara nicht. Sie hörte die Kassette immer wieder an und verglich jedes Wort mit den wenigen Erinnerungen, die in ihr geblieben waren. Um 22:17 Uhr ging sie erneut zur Standuhr.
Im Gehäuse entdeckte sie eine zweite Kerbe.
Hinter dem Holz lag ein weiterer Zettel.
„Wenn sie dir sagt, dass sie dich verlassen hat, frag sie nach dem roten Schirm.“
Die Frau am Meer
Am nächsten Morgen fuhr Clara los. Sie sagte ihrer Tochter nur, dass sie jemanden besuchen müsse, der lange auf sie gewartet hatte.
Das Dorf lag zwischen grauen Dünen und einem windschiefen Hafen. Die Adresse führte zu einem kleinen Haus mit blauen Fensterläden. Clara blieb mehrere Minuten vor der Tür stehen, bevor sie klopfte.
Eine ältere Frau öffnete.
Ihr Haar war fast vollständig weiß. Doch ihre Augen waren dieselben wie auf dem einzigen Foto, das Clara von ihrer Mutter besaß.
