TEIL 2 – Ein Geheimnis im Bett
Ich stand mehrere Sekunden lang völlig regungslos da.
Dann nahm ich Theodore vorsichtig von Raymonds Brust.
Raymond schloss sofort wieder die Augen.
Ich legte meinen Sohn in sein kleines Reisebett.
Dann ging ich zurück zu Raymond.
„Können Sie mich hören?“
Ein Blinzeln.
„Können Sie sprechen?“
Ein langsames Blinzeln.
„Nur ein bisschen?“
Er bewegte kaum sichtbar die Augen.
Ich verstand.
Er konnte mich hören.
Er konnte denken.
Aber sein Körper gehorchte ihm fast nicht.
Ich setzte mich neben ihn.
„Warum darf niemand wissen, dass Sie wach sind?“
Er antwortete nicht.
Ich wartete.
Dann öffnete er die Augen.
„Christopher.“
„Ihr Neffe?“
Ein Blinzeln.
„Hat er Ihnen etwas getan?“
Ein weiteres Blinzeln.
Ja.
Mir wurde kalt.
„Kann er Sie hören?“
Raymond schloss die Augen.
Dann bewegte er einen Finger.
Nein.
Ich begann, Fragen zu stellen.
Ein Blinzeln bedeutete Ja.
Zwei Blinzeln bedeuteten Nein.
Wenn er zur Tür sah, bedeutete das Gefahr.
Es war langsam.
Aber es funktionierte.
„Wissen die Ärzte, dass Sie wach sind?“
Nein.
„Wissen Sie, was Ihnen gegeben wird?“
Ja.
„Ist es ein Medikament?“
Ja.
„Wird es absichtlich gegeben?“
Ja.
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Von Christopher?“
Raymond schloss die Augen.
Dann bewegte er den Kopf ganz leicht.
Nein.
„Der Arzt?“
Ein Blinzeln.
Dr. Wallace.
Ich kannte seinen Namen.
Er war der Arzt, der Raymond täglich besuchte.
„Warum?“
Raymond öffnete die Augen.
Seine Lippen bewegten sich.
Ich beugte mich näher.
„Erbe“, flüsterte er.
Ich verstand.
„Christopher will Ihr Geld?“
Raymond blinzelte.
Ja.
„Wie viel?“
Raymond schloss die Augen.
„Alles.“
In diesem Moment hörte ich Schritte im Flur.
Ich sprang auf.
Ich nahm Theodore auf den Arm.
Christopher öffnete die Tür.
„Wie geht es ihm?“
Ich zwang mich zu einem neutralen Gesichtsausdruck.
„Keine Veränderung.“
Christopher ging zum Bett.
Er beugte sich über seinen Onkel.
„Noch immer nichts?“
Raymond lag regungslos da.
Christopher lächelte.
„Sehr bald ist es vorbei.“
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
Dann wandte er sich mir zu.
„Dr. Wallace kommt morgen wieder.“
„Natürlich.“
„Und Nora?“
„Ja?“
„Wenn dein Kind weiterhin nachts so laut ist, musst du dir eine andere Unterkunft suchen.“
Ich nickte.
„Verstanden.“
Er ging.
Ich wartete mehrere Minuten.
Dann sah ich Raymond an.
Seine Augen waren geöffnet.
„Er weiß es“, flüsterte er.
„Was weiß er?“
„Dass ich … nicht sterbe.“
Ich verstand plötzlich.
Christopher wusste möglicherweise, dass Raymond bei Bewusstsein war.
Aber warum tat er so, als wäre er es nicht?
Warum wartete er?
Und warum hatte der Arzt gesagt, Raymond würde innerhalb von fünf Tagen sterben?
Am nächsten Nachmittag kam Dr. Wallace.
Er öffnete seine Ledertasche.
Ich beobachtete ihn genau.
Er nahm eine kleine weiße Ampulle heraus.
Kein offizielles Etikett.
Nur eine handgeschriebene Markierung.
Er zog eine Spritze auf.
„Was geben Sie ihm?“
Der Arzt sah mich an.
„Sein Medikament.“
„Welches?“
„Sie müssen das nicht wissen.“
Ich lächelte vorsichtig.
„Ich bin seine Pflegekraft.“
„Dann kümmern Sie sich um Ihre Aufgaben.“
Er injizierte das Medikament.
Zehn Minuten später veränderte sich Raymonds Atmung.
Seine Finger wurden völlig still.
Dr. Wallace überprüfte seinen Puls.
„Er wird schwächer.“
Dann packte er die Ampulle wieder ein.
Ich sah ihm nach.
Etwas stimmte nicht.
