Teil 6 – Die Wahrheit kommt ans Licht
Am nächsten Morgen erschien Marcus’ Anwalt im Haus.
Er nahm den Ordner entgegen und fotografierte jede einzelne Seite.
„Wir müssen vorsichtig sein“, sagte er.
„Warum?“
„Weil diese Unterlagen möglicherweise sehr wichtig sind. Aber wir müssen ihre Echtheit überprüfen.“
Marcus stimmte zu.
Während der Anwalt arbeitete, lag Clara im Wohnzimmer.
Phyllis hatte sich inzwischen in ihr Schlafzimmer zurückgezogen.
Sie wusste, dass etwas geschehen war.
Am Nachmittag kam ein weiterer Mann ins Haus.
Es war der ehemalige Buchhalter von Marcus’ Vater.
Er war inzwischen im Ruhestand.
Als er den schwarzen Ordner sah, wurde er still.
„Ich habe gedacht, der wäre verschwunden.“
Marcus sah ihn an.
„Du kennst ihn?“
„Ich habe ihn damals erstellt.“
„Was steht darin?“
Der Mann setzte sich.
„Dein Vater wollte beweisen, dass mehrere Zahlungen ohne seine Genehmigung erfolgt sind.“
„Von wem?“
Der Buchhalter zögerte.
„Von deiner Mutter.“
Marcus schloss die Augen.
Jetzt hatte er die Bestätigung.
„Warum hat mein Vater nichts unternommen?“
„Weil er krank war. Und weil er Angst hatte, dass deine Mutter dich gegen ihn aufbringen würde.“
Marcus sah zu Clara.
Sie hatte alles gehört.
„Das erklärt vieles“, sagte sie leise.
Der Buchhalter nickte.
„Aber es gibt noch etwas.“
Marcus sah ihn an.
„Was?“
„Die fehlenden Seiten.“
„Wo sind sie?“
Der Mann atmete tief ein.
„Ich habe damals Kopien gemacht.“
Marcus stand sofort auf.
„Wo?“
„In meinem alten Büro. Ich habe nie etwas weggeworfen.“
Am selben Abend brachte der Mann einen Karton.
Darin befanden sich mehrere alte Akten.
Und tatsächlich:
Die fehlenden Seiten waren da.
Sie zeigten Überweisungen, Verträge und Unterschriften.
Außerdem enthielten sie eine handschriftliche Notiz von Marcus’ Vater.
„Wenn Phyllis jemals versucht, Clara aus unserem Leben zu entfernen, soll Marcus wissen, dass es nicht um Familienliebe geht. Es geht um Kontrolle.“
Marcus konnte die Tränen nicht zurückhalten.
Sein Vater hatte die Wahrheit gekannt.
Er hatte versucht, sie zu schützen.
Doch niemand hatte ihn gehört.
Nun war es an Marcus, die Dinge richtigzustellen.
Er ging zu seiner Mutter.
„Warum?“
Phyllis sah ihn lange an.
„Warum was?“
„Warum hast du Clara so behandelt?“
Phyllis schwieg.
„Warum hast du die Unterlagen versteckt?“
Ihr Gesicht wurde hart.
„Weil ich meine Familie schützen wollte.“
Marcus schüttelte den Kopf.
„Nein. Du wolltest die Kontrolle behalten.“
Phyllis begann zu weinen.
Zum ersten Mal sah Marcus nicht die starke Mutter, die er immer gekannt hatte.
Er sah eine Frau, die jahrelang Angst davor gehabt hatte, alles zu verlieren.
Doch ihre Angst hatte sie dazu gebracht, andere Menschen zu verletzen.
