Teil 2 – Fünf Tage zuvor
Fünf Tage zuvor hatte Claras Leben innerhalb weniger Sekunden aufgehört, normal zu sein.
Sie war nach der Arbeit auf dem Heimweg gewesen.
Die Straße war trocken, der Verkehr normal.
Dann kam ein Fahrzeug von der Seite.
Der Fahrer hatte ein Stoppschild übersehen.
Der Aufprall war so stark gewesen, dass Claras Wagen mehrere Meter weit geschoben wurde.
Als sie im Krankenhaus aufwachte, spürte sie zuerst nur einen stechenden Schmerz.
Dann sah sie Marcus.
Er saß neben ihrem Bett und hielt ihre Hand.
„Du bist wach“, sagte er.
Clara versuchte zu lächeln.
„Was ist passiert?“
Marcus erzählte ihr vorsichtig von dem Unfall.
Die Ärzte hatten mehrere Knochenbrüche festgestellt. Besonders schlimm waren beide Beine betroffen.
„Du darfst sie auf keinen Fall belasten“, erklärte der Orthopäde.
„Du brauchst mehrere Wochen Ruhe und Unterstützung.“
Clara nickte.
Sie war normalerweise eine unabhängige Frau. Sie hatte gearbeitet, den Haushalt organisiert und sich um viele Dinge gekümmert.
Nun konnte sie nicht einmal alleine ins Badezimmer gehen.
Marcus blieb während der ersten Tage fast ununterbrochen bei ihr.
Doch dann erhielt er einen wichtigen Anruf aus Chicago.
Seine Firma stand kurz vor dem Abschluss eines großen Vertrags.
Er musste persönlich anwesend sein.
„Ich möchte nicht gehen“, sagte er.
Clara sah ihn an.
„Du musst.“
„Ich kann jemanden engagieren.“
„Marcus, das ist nur für zwei Tage.“
Er zögerte.
Dann sagte Phyllis, die gerade das Krankenhauszimmer betreten hatte:
„Ich kümmere mich um sie.“
Clara sah ihre Schwiegermutter an.
Phyllis lächelte.
„Natürlich. Wir sind doch Familie.“
Marcus war erleichtert.
Er ahnte nicht, dass diese Entscheidung später eine der größten Schuldgefühle seines Lebens auslösen würde.
Am nächsten Morgen brachte er Clara nach Hause.
Er legte Wasser, Medikamente und ihr Handy neben das Sofa.
„Du musst gar nichts machen“, sagte er.
„Ich komme so schnell wie möglich zurück.“
Clara nickte.
„Pass auf dich auf.“
Marcus küsste sie auf die Stirn.
Dann ging er.
Wenige Minuten später hörte Clara, wie die Haustür geschlossen wurde.
Phyllis stand hinter ihr.
Ihr Gesicht hatte sich verändert.
Das warme Lächeln war verschwunden.
„Also“, sagte sie. „Dann wollen wir mal sehen, wie lange du diesen Zustand ausnutzen willst.“
Clara verstand nicht, was sie meinte.
„Was soll das heißen?“
Phyllis antwortete nicht.
Sie nahm Claras Handy vom Tisch.
„Das brauchst du heute nicht.“
„Aber Marcus könnte anrufen.“
„Dann rufe ich ihn an.“
Clara spürte zum ersten Mal Angst.
Doch sie ahnte noch nicht, wie weit Phyllis gehen würde.
