Clara dachte an die Handschrift. An den Satz. An die Stimme ihres Vaters am Telefon.
„Vielleicht verändert sie nicht die Geschichte des Bildes“, sagte sie. „Vielleicht verändert sie die Geschichte meiner Mutter.“
Die Zahlen hinter der Leinwand
Clara nahm das Blatt aus der Tasche und legte es nicht aus der Hand. Die Zahlenfolge führte zu einem alten Lagercode, wie sie später herausfand. Das Lager gehörte einer Spedition, die vor sechzehn Jahren mehrere Werke aus Vargas ehemaligem Atelier übernommen hatte.
Sie kontaktierte einen unabhängigen Papierexperten. Das Ergebnis war eindeutig: Das Papier stammte aus dem Jahr 2008. Die Tinte war älter als der Klebstoff, mit dem der Umschlag befestigt worden war. Jemand hatte die Nachricht nicht zufällig versteckt. Jemand hatte sie so angebracht, dass sie erst bei einer späteren Restaurierung gefunden werden konnte.
Clara fuhr zu ihrem Vater.
Er lebte noch immer in derselben Wohnung, in der die Pflanzen ihrer Mutter am Küchenfenster gestanden hatten. Auf dem Tisch lag ein altes Fotoalbum. Ihr Vater hatte es geöffnet, aber nicht angesehen.
„Deine Mutter war überzeugt, dass Varga nicht alle Bilder selbst gemalt hat“, sagte er.
Clara setzte sich ihm gegenüber.
„Was bedeutet das?“
„Sie arbeitete damals als Assistentin in seinem Atelier. Sie fand Skizzen, die seine Signatur trugen, obwohl sie von anderen Händen stammten. Junge Künstler, die Geld brauchten. Menschen, die nie genannt wurden.“
„Warum hast du mir das nie erzählt?“
„Weil sie mir gesagt hatte, ich solle schweigen.“
„Und warum hat sie dann eine Nachricht für mich hinterlassen?“
Ihr Vater senkte den Blick.
„Weil sie glaubte, dass sie nicht mehr sicher war.“
Aus dem Fotoalbum fiel ein altes Stück Zeitung. Darauf war ein Artikel über Helenas Tod. Am Rand hatte jemand mit Bleistift einen Namen geschrieben: Jonas Rehm.
