Der Tag vor dem Unfall.
Ein Gemälde mit zwei Geschichten
Am nächsten Morgen rief Clara ihren Vater an. Er meldete sich erst nach dem fünften Klingeln.
„Was willst du?“
„Kennst du ein Gemälde von Emil Varga? Einen Wintergarten mit einem leeren Stuhl?“
Am anderen Ende blieb es still.
„Woher hast du das?“
„Es ist im Auktionshaus. Und hinter der Leinwand lag eine Nachricht von Mama.“
Ihr Vater atmete scharf ein. Danach hörte Clara nur noch ein leises Knacken in der Leitung.
„Bring das Bild nicht zur Auktion“, sagte er.
„Warum nicht?“
„Weil du nicht weißt, was du da gefunden hast.“
Dann legte er auf.
Clara fuhr sofort zu Bellmont. Das Auktionshaus lag in einem ehemaligen Bankgebäude mit hohen Fenstern und dunklen Holzböden. Im großen Saal wurden bereits die Lose für den Abend vorbereitet.
Der Direktor, Viktor Sander, erwartete sie mit einem höflichen Lächeln.
„Das Varga-Gemälde wird heute unser wichtigstes Stück“, sagte er. „Die Vorbesichtigung war außergewöhnlich gut besucht.“
Clara schob den Umschlag nicht aus ihrer Tasche. Stattdessen fragte sie: „Wer hat das Bild eingeliefert?“
„Eine private Stiftung. Der Eigentümer möchte anonym bleiben.“
„Und wer hat es vorher restauriert?“
Viktor lächelte nicht mehr ganz so freundlich.
„Warum ist das wichtig?“
„Weil die Rückseite manipuliert wurde.“
Für einen Moment bewegte sich niemand. Dann trat eine Frau aus dem angrenzenden Raum. Sie trug einen cremefarbenen Hosenanzug und eine Brosche in Form eines silbernen Blattes.
„Das ist meine Stiftung“, sagte sie. „Mein Name ist Miriam Voss.“
Clara kannte den Namen. Miriam Voss war eine bekannte Sammlerin und seit Jahren Vorsitzende der Stiftung, die Emil Vargas Nachlass verwaltete.
„Ihre Mutter hat das Bild nie gesehen“, sagte Miriam ruhig. „Sie arbeitete nicht für uns.“
„Das habe ich nicht behauptet.“
„Aber Sie glauben, eine alte Notiz könne die Geschichte eines Meisterwerks verändern.“
