Leonie sah ihr durch die regennasse Scheibe nach. Sie hätte Nika einfach gehen lassen können. Schließlich war es nicht ihre Aufgabe, die Wege jedes Kindes zu kontrollieren. Aber der Blick des Mädchens hatte etwas in ihr ausgelöst: nicht Angst, sondern die Anspannung eines Menschen, der gelernt hatte, dass Fragen gefährlich werden konnten.
Hinter dem Bahndamm
Am folgenden Montag wartete Leonie, bis Nika den Schulhof verlassen hatte. Dann zog sie ihre Jacke an und folgte ihr mit großem Abstand.
Der Weg führte an einem stillgelegten Gütergleis entlang. Zwischen Brombeersträuchern standen verrostete Waggons, die seit Jahren nicht mehr benutzt wurden. Nika ging weiter, bis sie an einer niedrigen, halb eingestürzten Lagerhalle stehen blieb.
Sie sah sich um, stellte das Tablett auf einen Betonblock und klopfte dreimal gegen eine Metalltür.
Von innen kam ein Geräusch. Erst ein Husten, dann das Scharren eines Stuhls.
Die Tür öffnete sich nur einen Spalt.
„Du bist spät“, sagte eine Männerstimme.
„Es hat geregnet.“
„Hast du wieder jemanden mitgebracht?“
Nika drehte sich um. In diesem Moment entdeckte sie Leonie.
Das Mädchen wurde kreidebleich.
„Bitte“, sagte sie sofort. „Sagen Sie niemandem, wo er ist.“
Leonie blieb einige Schritte entfernt stehen. „Ich will nur verstehen, was hier passiert.“
„Er darf nicht zurück.“
Hinter der Tür bewegte sich der Schatten eines Mannes. Leonie konnte sein Gesicht nicht erkennen, aber sie hörte, wie er schwer atmete.
„Nika“, sagte er leise. „Du solltest nicht mit Fremden sprechen.“
„Ich bin keine Fremde“, antwortete Leonie. „Ich arbeite in deiner Schule.“
Niemand sagte etwas.
Die Geschichte des Mannes in der Halle
Leonie rief nicht sofort die Polizei. Sie wusste nicht, ob Nika in Gefahr war, ob der Mann sie festhielt oder ob die Situation anders war, als sie aussah. Also blieb sie ruhig und bat darum, die Halle betreten zu dürfen.
Der Mann zögerte lange.
