Der Junge stieg jeden Morgen an der falschen Haltestelle aus – dann sah die Busfahrerin, wer auf ihn wartete

Im Bus fragte Nora vorsichtig: „Wer war die Frau?“

Emil presste die Lippen zusammen.

„Eine Bekannte.“

„Soll ich deine Mutter anrufen?“

Er wurde blass. „Nein. Bitte nicht.“

Mehr sagte er nicht.

Nora war seit vierzehn Jahren Busfahrerin. Sie kannte die Kinder, die morgens laut waren, die verschlafen einschliefen oder nach einem Streit mit den Eltern kein Wort sprachen. Emil war anders. Er beobachtete ständig die Straße. Wenn ein schwarzer Wagen langsam am Bus vorbeifuhr, duckte er sich.

Am Freitag, kurz bevor er ausstieg, fiel ein zusammengefaltetes Papier aus seiner Jackentasche. Emil hob es sofort auf, aber Nora hatte bereits einen Blick darauf geworfen.

Es war eine Zeichnung. Darauf waren drei Personen zu sehen: ein Junge, eine Frau mit langen Haaren und ein Haus mit rotem Dach. Über dem Haus stand in krakeliger Schrift: Unser Zuhause.

Am Rand hatte jemand mit rotem Stift ein Kreuz gemalt.

Nora folgt dem Jungen

Am folgenden Montag rief Nora ihre Vorgesetzte an und meldete, dass Emil die festgelegte Haltestelle regelmäßig verließ. Sie bat darum, die Familie zu kontaktieren. Die Antwort war knapp: Der Vater habe alles erklärt. Emil besuche vor der Schule eine Betreuung, und die Angelegenheit sei geregelt.

Doch Nora wusste, dass hinter dem Gartencenter keine Betreuungseinrichtung lag.

Als Emil an diesem Morgen wieder ausstieg, wartete sie, bis der Bus leer war. Dann bat sie die Ersatzfahrerin, die Kinder zur Schule zu bringen, und folgte dem Jungen in einigem Abstand.

Unter der Weide stand dieselbe Frau. Diesmal wirkte sie erschöpft. Emil nahm ihre Hände.

„Ich habe nicht viel Zeit“, sagte sie. „Wenn er mich findet, musst du sofort zur Polizei.“

„Er hat gesagt, du darfst nicht kommen“, antwortete Emil.

Die Frau schüttelte den Kopf. „Er hat vieles gesagt. Aber nichts davon war wahr.“

Nora trat aus dem Schatten.