Der fremde Junge legte ihr einen Schlüssel in die Hand – und sagte: „Dein Bruder hat mich geschickt“

„Jonas hat gesagt, ich soll nur zu dir kommen, wenn Frau Keller die blaue Mappe findet.“

Dann drehte er sich um und rannte in den Regen.

Die Mappe im alten Schrank

Elena blieb lange in der Tür stehen. Erst als die Glocke der Werkstatt verstummte und das Wasser von ihrer Markise tropfte, schloss sie ab.

Sie legte den Schlüssel auf den Arbeitstisch. Auf einer Seite war ein kaum sichtbarer Kratzer, der wie ein schiefer Blitz aussah. Jonas hatte als Kind jedes wichtige Ding auf diese Weise markiert. Werkzeuge, Fahrradschlösser, sogar die Blechdose, in der sie früher ihre Murmeln aufbewahrt hatten.

Der Schlüssel war nicht zufällig bei Emil gelandet.

Am nächsten Morgen fuhr Elena zum Haus ihrer Mutter, das seit deren Tod leer stand. Frau Keller war die ehemalige Verwalterin des Wohnheims gewesen und hatte Jonas kurz vor seinem Tod mehrfach angerufen. Elena hatte die Anrufe damals nicht ernst genommen. Nach dem Unfall war sie zu beschäftigt gewesen, um sich mit den ungeklärten Fragen ihres Bruders zu beschäftigen.

Im Schlafzimmer ihrer Mutter stand noch immer der hohe Schrank aus dunklem Nussbaum. Elena durchsuchte Schubladen, Kartons und alte Rechnungen. Erst hinter einem Stapel Bettwäsche fand sie eine flache blaue Mappe.

Auf dem Umschlag stand nur ein Datum.

Es war der Tag vor Jonas’ Unfall.

In der Mappe lagen Kopien von Betreuungsplänen, handschriftliche Notizen und mehrere Fotos von Kindern aus dem Wohnheim. Neben einigen Namen waren rote Kreuze eingezeichnet. Bei Emil stand: Keine Verwandten bekannt. Aufnahme über Nacht. Akte unvollständig.

Elena setzte sich auf den Boden.

Auf der letzten Seite hatte Jonas geschrieben: Die Kinder werden nicht geschützt. Sie werden verschwinden, sobald jemand Fragen stellt.

Was Jonas entdeckt hatte

Elena wusste nicht, wie lange sie dort gesessen hatte. Draußen fuhr ein Lieferwagen vorbei, und im alten Haus knarrten die Heizungsrohre.