Der Junge stand im strömenden Regen vor Elenas Werkstatt und hielt einen kleinen Messingschlüssel so fest umklammert, dass seine Finger weiß geworden waren.
Er war vielleicht zehn Jahre alt. Seine Jacke war zu dünn für den kalten Novemberabend, die Schuhe waren an den Seiten aufgeplatzt, und unter seinem linken Auge zeichnete sich ein dunkler Schatten ab. Trotzdem wich er keinen Schritt zurück, als Elena die Tür nur einen Spalt öffnete.
„Ich suche Elena Weber“, sagte er.
„Die steht vor dir.“
Der Junge sah kurz über ihre Schulter in die warme, nach Holz und Maschinenöl riechende Werkstatt. Dann streckte er die Hand aus.
„Mein Name ist Emil. Dein Bruder hat mich geschickt.“
Ein Schlüssel ohne Erklärung
Elena spürte, wie ihr der Atem stockte. Ihr Bruder Jonas war seit sechs Jahren tot. Er war bei einem Unfall auf einer Landstraße ums Leben gekommen, an einem Morgen, an dem Nebel so dicht über den Feldern gelegen hatte, dass selbst die Rettungskräfte kaum etwas sehen konnten.
Seitdem hatte niemand mehr von ihm gesprochen, ohne zuerst leiser zu werden.
„Wer hat dir diesen Namen gesagt?“
Emil antwortete nicht. Er legte den Schlüssel in ihre Hand und blickte zur Straße. Hinter ihm war kein Erwachsener zu sehen. Nur nasse Gehwege, parkende Autos und das flackernde Licht einer Bushaltestelle.
„Du musst ihn verstecken“, sagte er. „Er darf nicht wissen, dass ich hier war.“
„Wer?“
Der Junge presste die Lippen zusammen.
„Herr Voss.“
Elena kannte den Namen. Martin Voss leitete das private Wohnheim am Stadtrand, in dem Emil seit fast einem Jahr lebte. Jonas hatte dort früher als Elektriker gearbeitet. Nach seinem Tod hatte Elena nie wieder einen Grund gehabt, das Gelände zu betreten.
Sie wollte gerade nach einer Telefonnummer fragen, als Emil einen Schritt zurücktrat.
