Der Brief war schwerer als ein gewöhnlicher Einschreibebrief.
Lena spürte es, als sie ihn aus der Tasche nahm. Das Papier war dick, die Kanten sauber versiegelt und der Umschlag an eine Adresse gerichtet, die in keinem Zustellverzeichnis auftauchte.
Hafenstraße 0, altes Fährhaus.
Sie kannte den Ort. Das Fährhaus stand seit Jahren leer, halb verborgen hinter einem Zaun und überwuchert von wildem Wein. Die letzte Fähre war dort vor langer Zeit abgelegt worden.
Dann sah Lena den Absender.
Ihr Atem stockte.
Auf dem Umschlag stand der Name ihres Vaters.
Ein Name aus einer anderen Zeit
„Das kann nicht sein“, sagte Lena leise.
Martin Falk war vor achtzehn Jahren verschwunden. Er war damals sechsunddreißig gewesen, hatte als Vermessungstechniker gearbeitet und war eines Morgens nicht mehr von einer Baustelle am Fluss zurückgekehrt. Sein Wagen war später auf einem Parkplatz gefunden worden. Die Fahrertür stand offen, der Schlüssel steckte noch im Zündschloss.
Es gab keine Leiche, keinen Abschiedsbrief und keinen Hinweis darauf, ob er freiwillig gegangen war oder ob ihm etwas zugestoßen war.
Lena war damals zwölf gewesen. Ihre Mutter hatte ihr immer wieder gesagt, sie solle aufhören zu hoffen.
„Menschen verschwinden nicht einfach“, hatte Lena als Kind geantwortet.
Doch genau das war geschehen.
Sie drehte den Umschlag um. Die Handschrift erkannte sie sofort. Ihr Vater hatte die Zahlen immer leicht schräg geschrieben und bei langen Buchstaben den Stift ungewöhnlich lange angesetzt. Lena hatte diese Schrift in alten Geburtstagskarten gesehen, die sie noch immer in einer Schachtel unter ihrem Bett aufbewahrte.
Der Brief war an sie adressiert.
Nicht an ihre Mutter. Nicht an die Familie. An Lena Falk.
Die Zustellung, die niemand erklären konnte
Im Zustellzentrum legte Lena den Brief auf den Tisch ihrer Vorgesetzten.
„Die Adresse existiert nicht“, sagte sie. „Und der Absender ist mein Vater. Er ist seit achtzehn Jahren verschwunden.“
