Nora bemerkte den Jungen an einem Dienstagmorgen zum ersten Mal. Als der Schulbus an der Haltestelle Lindenweg hielt, stiegen zwölf Kinder aus. Emil blieb sitzen.
Er war etwa zehn Jahre alt, trug eine zu große blaue Jacke und hielt seinen Rucksack mit beiden Händen fest. Erst an der nächsten Haltestelle stand er auf.
„Emil, dort ist doch nicht deine Schule“, sagte Nora durch den Rückspiegel.
Der Junge sah sie nicht an. „Ich weiß.“
Dann stieg er aus.
Hinter der Haltestelle lag ein seit Jahren geschlossenes Gartencenter. Die Scheiben waren mit Brettern vernagelt, auf dem Parkplatz wuchs Unkraut durch die Risse im Asphalt. Für ein Kind gab es dort keinen vernünftigen Grund.
Eine Haltestelle, die nicht auf seinem Weg lag
Am nächsten Morgen wiederholte sich alles. Emil wartete, bis die anderen Kinder verschwunden waren, und stieg erneut am Lindenweg aus.
Nora sah, wie er sich nicht zum Gartencenter, sondern zu einem schmalen Pfad hinter dem Gebäude bewegte. Dort stand eine alte Weide. Unter ihren tief hängenden Ästen blieb der Junge stehen.
Eine Frau trat aus dem Schatten.
Sie war vielleicht Mitte fünfzig, trug einen grauen Mantel und hielt einen kleinen Stoffbeutel in der Hand. Als sie Emil sah, veränderte sich ihr Gesicht. Erleichterung, Angst und eine Traurigkeit, die viel älter wirkte als dieser Morgen, gingen über ihre Züge.
Emil lief zu ihr. Die Frau kniete sich hin und schloss ihn fest in die Arme.
Nora griff nach ihrem Telefon, wählte aber nicht sofort eine Nummer. Sie wollte keinen Fehler machen. Vielleicht war es seine Großmutter. Vielleicht wusste seine Familie von den Treffen. Vielleicht war alles harmlos.
Doch als die Frau den Jungen wieder losließ, sah sie sich hastig um. Dann steckte sie ihm etwas in die Jackentasche und verschwand zwischen den Bäumen.
