Der Hausmeister fand eine Brieftasche im Aufzug – und sie gehörte einem Mann, der seit zehn Jahren tot war

David wollte nur den Aufzug wieder in Betrieb nehmen. Seit fast zwanzig Minuten stand er zwischen dem zweiten und dritten Stock fest, während im Inneren ein leises Alarmsignal blinkte.

Die Bewohner der Residenz Silberhain waren längst zum Abendessen gegangen. Durch die hohen Fenster fiel der letzte graue Schein des Novemberhimmels, und im Flur roch es nach Bohnerwachs, gekochtem Gemüse und nasser Wolle.

Als David die untere Wartungsklappe öffnete, rutschte etwas Dunkles aus dem Schacht und fiel neben seinen Schuh.

Es war eine alte Lederbrieftasche.

Er hob sie auf, um sie an der Rezeption abzugeben. Doch noch bevor er sie schließen konnte, blieb sein Blick an dem Ausweis hängen.

Der Mann auf dem Foto hieß Paul Hartmann.

David kannte diesen Namen. Jeder in Silberhain kannte ihn.

„Paul Hartmann ist vor zehn Jahren gestorben“, sagte die Pflegedienstleiterin einmal zu einer neuen Mitarbeiterin. „Er war der Gründer dieser Einrichtung.“

David sah erneut auf das Foto. Der Mann war jünger als auf den alten Bildern in der Eingangshalle, aber die markante Narbe über der linken Augenbraue war unverkennbar.

In der Brieftasche lagen außerdem ein verblasstes Bahnticket, ein kleiner Messingschlüssel und ein Zettel, auf dem nur drei Wörter standen:

Nicht Zimmer 314.

Eine Brieftasche, die niemand vermisste

David brachte die Brieftasche nicht sofort zur Rezeption. Er wusste selbst nicht genau, warum. Vielleicht lag es an dem Satz auf dem Zettel. Vielleicht an dem Gefühl, dass etwas an der offiziellen Geschichte nicht stimmte.

Am nächsten Morgen fragte er die Leiterin des Hauses beiläufig, ob es früher einen Bewohner namens Paul Hartmann gegeben habe.

Clara Weiss, die seit drei Jahren die Residenz führte, hielt mitten in der Bewegung inne. Ihre Hand lag noch auf dem Ordner, den sie gerade aus einem Regal nehmen wollte.