Die Pianistin brach mitten im Konzert ab – und nannte den Namen, den alle vergessen wollten

Der erste Akkord hallte noch unter der hohen Glasdecke nach, als Amelie plötzlich die Hände von den Tasten nahm.

Im Saal des renovierten Konzerthauses wurde es still. Gerade noch hatten mehrere hundert Gäste den Auftakt des Eröffnungskonzerts mit höflicher Begeisterung verfolgt. Nun saß die Pianistin reglos vor dem schwarzen Flügel und starrte auf die Noten.

Hinter ihr leuchteten die goldenen Wände im warmen Licht. Vor ihr erhob sich in der ersten Reihe Viktor Halberg, der Mann, der die Renovierung mit Millionen finanziert hatte. Neben ihm saßen Politiker, Musiker und Menschen, die Amelie nur aus Zeitungen kannte.

Der Dirigent beugte sich zu ihr.

„Frau Winter, spielen Sie weiter.“

Amelie hörte ihn kaum. In ihrem Kopf erklang nicht das Stück, das vor ihr lag. Sie hörte eine andere Melodie. Eine, die sie seit ihrer Kindheit kannte und die ihre Mutter nur einmal gespielt hatte.

Eine Melodie aus einer verschwundenen Zeit

Amelie war acht Jahre alt gewesen, als ihre Mutter Clara Winter aus ihrem Leben verschwand. Man hatte ihr gesagt, Clara sei nach einem Streit mit ihrem damaligen Arbeitgeber ins Ausland gegangen. Später hieß es, sie habe sich für ihre Familie geschämt und wolle keinen Kontakt mehr.

Ihr Vater hatte nie darüber gesprochen. Wenn Amelie nach Clara fragte, verließ er den Raum oder begann, über etwas Belangloses zu reden.

Nur die Musik war geblieben.

Clara hatte oft nachts am Klavier gesessen und eine Folge von Tönen gespielt, die Amelie später „die Regenmelodie“ nannte. Sie war leise, unruhig und endete nie richtig. Als Kind hatte Amelie geglaubt, ihre Mutter habe das Stück einfach nicht fertiggestellt.

Nun erklang genau diese Melodie in dem Konzertsaal, aus einem Werk, das offiziell von Viktor Halbergs ehemaligem Hauskomponisten stammte.

Amelie blickte auf den Titel der Partitur.

Variationen über das Schweigen.