Die Standuhr blieb genau um 22:17 Uhr stehen.
Clara bemerkte es erst, als draußen der Regen gegen die hohen Fenster des alten Hauses schlug und sie im Flur nach dem Sicherungskasten suchte. Der Sekundenzeiger zitterte, bewegte sich aber nicht weiter. Die Uhr war seit Jahren nicht mehr aufgezogen worden. Trotzdem zeigte sie eine Zeit an, die sich sofort in ihr Gedächtnis brannte.
22:17 Uhr.
Ihre Mutter war an einem Abend verschwunden, an den Clara sich kaum erinnerte. Sie wusste nur noch, dass es geregnet hatte, dass ihr Vater im Wohnzimmer geschrien hatte und dass die alte Standuhr im Flur damals ebenfalls stehen geblieben war.
Clara war sechs Jahre alt gewesen.
Das Haus, das niemand behalten wollte
Ihre Tante Elise war drei Wochen zuvor gestorben. Sie hatte allein in dem großen Backsteinhaus am Stadtrand gelebt, umgeben von staubigen Möbeln, verschlossenen Schränken und Kartons, die seit Jahrzehnten niemand geöffnet hatte.
Clara war die einzige Angehörige, die sich um den Nachlass kümmerte. Ihr Vater war vor acht Jahren gestorben. Seitdem hatte es niemanden mehr gegeben, der Fragen stellte. Nicht über ihre Mutter. Nicht über die Nacht, in der sie gegangen war. Und schon gar nicht über Elise, die immer behauptet hatte, Clara müsse endlich aufhören, in der Vergangenheit zu leben.
Am nächsten Morgen sollte ein Makler kommen. Das Haus war viel wert, und Clara brauchte das Geld. Die Wohnung, in der sie lebte, war klein, ihre Arbeit im Stadtarchiv unsicher und die Rechnungen ihrer chronisch kranken Tochter wurden jeden Monat höher.
Sie hatte sich eingeredet, dass ein Verkauf ein Schlussstrich sein konnte.
Dann blieb die Uhr stehen.
