„Meine finanzielle Situation ist momentan etwas schwierig. Ich musste meine Ausgaben reduzieren.“
„Mama, das ist doch nicht dein Ernst.“
„Doch, Carter. Ich kann mir die große Hütte nicht mehr leisten.“
„Aber du hast doch schon alles bezahlt.“
Ich legte das Messer ab.
„Du weißt also, wie viel die Reise kostet?“
„Natürlich. Yvette hat mir davon erzählt.“
„Und du weißt, dass ich seit Monaten dafür gespart habe?“
„Ja, aber …“
„Dann weißt du auch, dass ich die Reise jederzeit ändern kann.“
Er atmete hörbar aus.
„Yvette ist völlig aufgebracht. Sie versteht nicht, warum du uns das antust.“
„Hast du das Video ihrer Mutter gesehen?“
Es wurde still.
„Welches Video?“
„Das Video, in dem Margaret ihre Geschenke auspackt. Das Surface Pro, die Kopfhörer und das iPad.“
Er antwortete nicht sofort.
„Ich habe es gesehen“, sagte ich. „Yvette hat mir zwei Tage zuvor geschrieben, dass ihr euch nicht einmal ein Weihnachtsgeschenk für mich leisten könnt. Ich habe ihr geglaubt. Ich habe ihr gesagt, dass ich Verständnis habe.“
„Mama, das ist kompliziert.“
„Dann erklär es mir.“
Wieder schwieg er.
„Es war Yvettes Idee“, sagte er schließlich. „Ihre Mutter hat ihr in den letzten Monaten viel geholfen. Wir wollten uns bedanken.“
„Das ist schön. Ich habe nichts dagegen, dass ihr Margaret beschenkt.“
„Dann verstehe ich nicht, warum du so reagierst.“
Ich schloss für einen Moment die Augen.
„Weil ihr mich angelogen habt, Carter. Nicht, weil ihr Margaret etwas geschenkt habt. Ihr habt mir gesagt, dass ihr kein Geld habt. Ihr hättet einfach ehrlich sein können.“
„Wir wollten keinen Streit.“
„Und jetzt?“
Er sagte nichts.
„Cordelia und ich werden trotzdem fahren. Die kleinere Hütte reicht für uns.“
Im Hintergrund hörte ich Yvette laut werden.
„Gib mir das Telefon!“, rief sie.
Carter hielt das Telefon offenbar von sich weg. Dann sagte er leise: „Sie möchte mit dir sprechen.“
„Nicht heute.“
Ich beendete das Gespräch.
Meine Hände zitterten ein wenig. Trotzdem blieb ich am Tisch sitzen und aß mein Frühstück zu Ende.
Ich wusste, dass dieser Streit nicht vorbei war.
Kapitel 6: Der Besuch vor meiner Tür
Am Nachmittag bog ein dunkler Wagen in meine Einfahrt ein.
Ich erkannte Carters Auto sofort.
Er stieg aus und blieb einen Moment neben der Fahrertür stehen. Er sah müde aus. Yvette dagegen schlug die Beifahrertür so heftig zu, dass ich es durch das geschlossene Fenster hören konnte.
Sie marschierte auf meine Haustür zu.
Ich öffnete, bevor sie klopfen konnte.
„Das ist völlig unverschämt!“, rief sie.
Ich trat zur Seite und ließ sie in den Flur kommen. Carter folgte ihr schweigend.
„Was genau ist unverschämt?“, fragte ich.
„Du kannst doch nicht einfach die ganze Weihnachtsreise ruinieren!“
„Ich habe die Reise nicht abgesagt. Ich habe sie verkleinert.“
„Du weißt genau, was ich meine. Die Kinder freuen sich seit Wochen darauf.“
„Die Kinder können nichts dafür. Das weiß ich.“
„Dann solltest du die Buchung wieder ändern!“
Ich sah sie ruhig an.
„Du verlangst also, dass ich eine Reise bezahle, obwohl du mir gerade erst erklärt hast, dass ihr euch nichts für mich leisten könnt?“
„Das hat damit nichts zu tun!“
„Doch. Genau damit hat es zu tun.“
Yvette verschränkte die Arme.
„Du machst aus einer Kleinigkeit ein riesiges Drama. Es ging nur um ein Geschenk.“
„Dann war es wohl auch nur eine Kleinigkeit, dass ich eure Reise finanziert habe.“
Sie öffnete den Mund, doch Carter kam ihr zuvor.
„Mama, bitte. Wir sind nicht hier, um uns zu streiten.“
„Warum seid ihr dann hier?“
Er sah auf den Boden.
Yvette antwortete für ihn.
„Wir wollen, dass du die ursprüngliche Buchung wiederherstellst. Es ist Weihnachten. Da sollte man an die Familie denken.“
Ich musste beinahe lachen. Nicht, weil es lustig war, sondern weil sie das Wort Familie so selbstverständlich benutzte, als hätte es in den vergangenen Jahren immer nur für sie gegolten.
„Ich denke an die Familie“, sagte ich. „Deshalb werde ich die Kinder nicht für eure Entscheidungen bestrafen. Aber ich werde auch nicht mehr so tun, als wäre mein Geld eine Selbstverständlichkeit.“
Yvettes Gesicht wurde rot.
„Du willst uns also bestrafen!“
„Nein. Ich ziehe eine Grenze.“
„Das ist dasselbe!“
„Nein, Yvette. Es ist nicht dasselbe.“
Ich griff in die Tasche meiner Strickjacke und zog einen Umschlag heraus.
„Bevor ihr wieder geht, möchte ich, dass du dieses Dokument liest.“
Sie nahm den Umschlag, öffnete ihn und zog mehrere Seiten heraus.
Ihre Augen glitten über die erste Seite. Dann über die zweite.
Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich.
„Was ist das?“, fragte sie leise.
„Die Unterlagen zum Haus.“
„Welches Haus?“
„Das Haus, in dem ihr wohnt.“
Carter hob den Kopf.
Ich hatte gewusst, dass dieser Moment kommen würde. Ich hatte nur nicht gewusst, ob ich ihn jemals selbst auslösen würde.
Kapitel 7: Das Geheimnis hinter dem Haus
Vor sechs Jahren, als Carter und Yvette ihre erste gemeinsame Wohnung verlassen mussten, hatten sie kaum Ersparnisse. Die Mieten waren gestiegen, ihre Arbeitsverträge waren unsicher, und Yvette erwartete ihr erstes Kind.
Daniel und ich hatten damals beschlossen, ihnen zu helfen.
Wir hatten ein Haus gefunden, das ihnen gefiel. Es lag in einer ruhigen Gegend, hatte einen kleinen Garten und genügend Zimmer für eine wachsende Familie.
Das Haus war jedoch teurer, als Carter und Yvette sich leisten konnten.
Daniel hatte eine Lösung vorgeschlagen. Über meine Gesellschaft, Cedarline Capital, sollten wir das Haus erwerben. Carter und Yvette durften darin wohnen, während sie sich finanziell stabilisierten. Sie sollten einen Teil der laufenden Kosten übernehmen, und wir würden später gemeinsam über die Eigentumsverhältnisse sprechen.
Ich hatte zugestimmt, weil ich meinem Sohn vertraute.
Nach Daniels Tod war ich alleinige Eigentümerin der Gesellschaft geworden. Die Immobilie blieb in deren Besitz.
Ich hatte Carter und Yvette nie unter Druck gesetzt. Ich hatte ihnen nie gesagt, dass sie jederzeit ausziehen könnten. Ich hatte das Haus als Geschenk betrachtet, auch wenn es rechtlich keines war.
Ich wollte, dass mein Sohn ein sicheres Zuhause hatte.
Doch mit der Zeit änderte sich ihre Einstellung. Sie begannen, das Haus als ihr Eigentum zu behandeln. Yvette ließ neue Möbel liefern, plante Umbauten und erzählte Freunden, wie viel sie in ihr Zuhause investiert hätten.
