Leonie bemerkte das Mädchen an einem regnerischen Montag im November. Die meisten Kinder waren bereits gegangen, als die Zwölfjährige noch einmal zur Ausgab Theke zurückkam und vorsichtig auf die beiden letzten Teller zeigte.
„Ist noch eines übrig?“
Leonie stellte den Teller mit Kartoffelauflauf und Gemüse auf das Tablett. „Für dich?“
Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Für meinen Vater.“
Sie hieß Nika, wusste Leonie inzwischen. Sie ging seit einigen Monaten auf die Gesamtschule am Rand der Stadt, sprach kaum mit anderen Kindern und setzte sich in den Pausen meistens allein unter die Kastanie hinter der Turnhalle.
Montags holte sie zwei Essen. Immer genau zwei. Nie mehr, nie weniger.
Eine Gewohnheit, die niemand erklärte
Zunächst fand Leonie nichts Ungewöhnliches daran. Manche Kinder brachten ihren Geschwistern etwas mit, andere nahmen eine Portion für einen kranken Elternteil mit nach Hause. Die Kantine hatte sogar eine kleine Kiste mit kostenlosen Mahlzeiten für Familien eingerichtet, die vorübergehend Unterstützung brauchten.
Doch Nika kam nicht direkt nach Hause.
Leonie bemerkte es, als sie eines Montags die Mülltonnen hinter der Küche hinausbrachte. Durch das Fenster der Hintertür sah sie, wie Nika mit dem zweiten Tablett über den Schulhof lief. Das Mädchen hielt den Rucksack mit einer Hand fest und schützte die Mahlzeit mit der anderen vor dem Regen.
Sie ging nicht in Richtung Wohngebiet. Stattdessen überquerte sie den Parkplatz, schlüpfte durch eine Lücke im Zaun und verschwand hinter dem alten Bahndamm.
Leonie blieb stehen.
Am nächsten Montag wartete sie absichtlich länger. Als Nika wieder kam, legte Leonie ein Stück Apfelkuchen auf das Tablett.
„Für deinen Vater“, sagte sie. „Der ist auch noch übrig.“
Nika sah sie misstrauisch an. „Er mag keinen Kuchen.“
„Dann vielleicht jemand anderes?“
Das Mädchen nahm den Teller. „Ich muss los.“
