Clara hatte jahrelang im Schatten ihres Mannes gelebt. Bei öffentlichen Veranstaltungen stand sie meistens einige Schritte hinter ihm. Wenn Journalisten Fragen stellten, antwortete Julian. Wenn Investoren gratulierten, lächelte Julian. Und wenn jemand fragte, wem der Erfolg von Vance Enterprises zu verdanken sei, nannte er niemals ihren Namen.
Clara hatte sich daran gewöhnt.
Oder zumindest hatte sie sich eingeredet, dass sie sich daran gewöhnt hatte.
Doch an jenem Freitagabend änderte sich alles.
Julian stand im Schlafzimmer vor dem Spiegel und richtete seine schwarze Krawatte.
„Du kommst heute nicht mit“, sagte er beiläufig.
Clara, die gerade ihre Ohrringe auf den Tisch gelegt hatte, sah ihn durch den Spiegel an.
„Wie bitte?“
„Die Gala ist eine geschäftliche Veranstaltung.“
„Das weiß ich.“
„Dann weißt du auch, dass ich dich dort nicht gebrauchen kann.“
Clara schwieg.
Julian zog seine Jacke an.
„Victoria kommt mit mir.“
Dieser Satz traf Clara härter, als sie erwartet hatte.
Victoria.
Die neue PR-Chefin von Vance Enterprises.
Jung, elegant, selbstbewusst.
Und seit einigen Monaten offenbar wichtiger für Julian als seine eigene Ehefrau.
Clara zwang sich zu einem Lächeln.
„Natürlich.“
Julian drehte sich zu ihr um.
„Mach keine Szene.“
„Ich mache keine Szene.“
„Gut.“
Er nahm seine Autoschlüssel.
Dann blieb er noch einmal stehen.
„Und bitte versuch, heute Abend nicht wieder irgendwelche geschäftlichen Fragen zu stellen. Du verstehst diese Dinge einfach nicht.“
Clara sah ihn an.
In diesem Moment hätte sie ihm beinahe die Wahrheit gesagt.
Sie hätte sagen können:
„Doch, Julian. Ich verstehe diese Dinge besser als du.“
Aber sie sagte nichts.
Die Frau, die niemand kannte
Julian wusste nicht, dass Clara vor zwölf Jahren begonnen hatte, ihr eigenes Unternehmen aufzubauen.
Er wusste nicht, dass sie damals mit nur einem kleinen Büro und drei Mitarbeitern angefangen hatte.
Und er wusste vor allem nicht, dass dieses Unternehmen heute Milliarden verwaltete.
